Mythen und Legenden über das Reifen von Liquids

Manch Wunderliches passiert in den Liquidküchen der Welt, mag man dem Internet glauben. Da werden Liquids beschallt, gemikrowellt, bebrütet, offen, geschlossen auf der Heizung und im Kühlschrank gelagert um das sagenumwobene Reifen dieser Wunderflüssigkeiten zu beschleunigen.

Es wird probiert, getestet und behauptet. Welch wunderlichste chemische Reaktion doch in diesen Fläschlein abläuft… …glaubt man all jenen Berichten, der Stein der Weisen, gar die Produktion von Gold ist nicht fern. Wie weiland bei den Alchimisten.

Bitte nicht!

Liquids bestehen aus drei Hauptbestandteilen: Proplenglycol, Glycerin und Wasser. Drei doch eher reaktionsfaule Flüssigkeiten. Nur weil man die zusammenkippt, muss da noch lange nix reagieren. Und das ist gut so. Damit wissen wir sehr genau, was wir da dampfen. Chemische Reaktionen hängen stark von den Umgebungsbedingungen, wie Temperatur und Druck ab. Liefen in Liquids chemische Reaktionen ab, dampfen wäre russisch Roulette.

Viele Selbstmischer haben bemerkt, dass sich der Geschmack eines Liquids sehr stark verändert und es manchmal Wochen braucht, bis sich der gewünschte Geschmack einstellt. – Manche bemerken auch nichts dergleichen.

Was passiert also in dieser Reifezeit?

Kurz gesagt, die Bestandteile mischen sich und verteilen sich gleichmäßig. Wenn dieser Prozeß abgeschlossen ist, schmeckt das Liquid so wie es soll. PG, VG und H2O haben eine unterschiedliche Viskosität (sie sind unterschiedlich flüssig). Mischt man Liquids aus diesen Bestandteilen, so benötigt es schon mal Zeit, bis diese Stoffe gleichmässig verteilt sind. Dazu kommt das Aroma. PG ist ein Aromaträger, d.h. die Aromamoleküle binden sich an die Trägermoleküle. Dieser Prozess benötigt auch Zeit, bis sich die Aromen gleichmäßig verteilt haben.

Ja, man kann diesen Prozess beschleunigen!

Bewegt man die Flüssigkeit, geht das Verteilen schneller. Erwärmt man nun das Liquid, ist das nichts Anderes als die Moleküle in Schwingungen zu versetzen. Je schneller diese schwingen, desto heisser ist die Flüssigkeit. Schwingen die Moleküle zu schnell, reisst die Verbindung zwischen ihnen und sie beginnen zu schweben. Die Flüssigkeit verdampft.

Man kann daher das Verteilen der Flüssigkeit beschleunigen indem man sie erwärmt. Dieses Verfahren hat einen Nachteil. Die Aromen sind sehr empfindlich und zersetzen sich recht schnell. Das wäre dann die einzige chemische Reaktion in unserem Liquid.

Selbst die Energie des Lichtes reicht bei vielen Aromen um diese zu zerstören. Eine Mikrowelle schafft das zuverlässig deutlich schneller. Ich empfehle Ihnen diese Strategie der Reife daher nicht.

Sie können Ihre Liquidbehälter in ein Ultraschallbad stellen. Das versetzt die Flüssigkeit auch in Schwingungen und beschleunigt die Mischung. Auch da kommt es zu einem Wärmeeintrag in die Flüssigkeit, d.h. das Liquid erwärmt sich. Das jedoch deutlich moderater als in der Mikrowelle. Die handelsüblichen Ultraschallbäder sind jedoch sehr schwach in der Leistung, was die Effektivität sehr schmälert. Aber es geht. Das Mischen mehrerer Stoffe mittels Ultraschall ist ein probates Mittel in der Chemie. Dann aber mit deutlich leistungsstärkeren Geräten.

Auch das stundenlange offene stehen lassen der Liquids kann ich nicht wirklich nachvollziehen, setzt man doch die empfindlichen Aromen einer der aggressivsten Substanzen unseres Universums aus, dem Sauerstoff. Das Zeug ist derart reaktionsfreudig, das reagiert mit fast Allem. Auch das wäre eine denkbare chemische Reaktion, die sich Oxidation nennt.

Wie sich nachweislich die Reifezeit verkürzen lässt, ohne die Aromen zu zerstören, wäre durch einen Salbenrührer oder durch ein Magnetrührer. Die sind genau für solche Fälle gemacht. In dem folgenden Video mischt ein Apotheker ein Liquid. Er dampft das sofort, da er es mehrere Minuten mit einem Salbenrührer mischen konnte.

 

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen möglichst reaktionsarme Liquids.

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8 Kommentare zu „Liquids reifen lassen – aber richtig!

  1. Schade, ein guter Artiekl über das Reifen von Liquids wäre wirklich mal nötig gewesesn. Leider bleibt es wieder bei dieser Apothekermeinung, die leider nur in Teilen richtig ist – Apotheker sind halt keine Parfümeure.
    Letztere kennen nämlich durchaus auch einen Reifungsprozess (Maturation) und der ist, je nach Aroma bzw. Duft, einfach notwendig.
    Denn ein Tabak- oder auch Waldmeisteraroma z.B. kann man mit dem Salbenrührer alleine nicht geniessbar machen, das braucht Zeit.
    Was mir sonst noch fehlt: Ein Hinweis darauf, dass manche Aromen flüchtig sind und somit das Reifen dieser Liquids u.U. kontraproduktiv.
    Und das Braunglasflaschen besser geignet sind als diese HDPE Fläschen (die sich übrigens ab ca. 80°C zersetzen und damit weder in die Mikrowelle noch in heisses Wasser gehören).

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    1. Hallo Max,

      danke für deinen Kommentar. Den Hinweis mit den Flaschen und den flüchtigen Aromen werde ich gelegentlich einarbeiten.

      Nun zur Maturation. Diese ist mir bei der Entstehung von Aromen ein Begriff. Bei der Whiskeyproduktion entstehen viele Aromen erst bei der Reifung (Maturation). Ähnlich bei der Weinproduktion, etc. Bei den Parfümeuren weiß ich es nicht.

      Bei den E-Liquids kann ich es mir nicht vorstellen, da wir künstlich hergestellte Aromen verwenden. Welche Reaktion sollte während der Reifung ablaufen? Wenn du da Infos hast, freue ich mich sehr.

      LG
      Jens

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  2. Zum sonst super Artikel muss ich jetzt doch auch noch meinen Senf dazu abgeben.

    Grundsätzlich ist eine gewisse Reifezeit je nach Aroma durchaus notwendig. z.B. Dessert-Artiges oder „kuchiges“ braucht meiner Erfahrung nach relativ lange, während fruchtige Aromen oft schon nach kurzer Zeit dampfbar sind. Es ist geschmacklich definitiv ein merklich großer Unterschied, nach welcher Zeit ein Liquid dann lecker ist.

    Auch das Lüften kann bei vielen Aromen helfen. Ich habe z.B. aktuell hier Rhabarber stehen, nach Hersteller-Angaben dosiert. Gut geschüttelt, stehen lassen, nach etlichen Tagen dran gerochen .. purer Ekel! Das war wirklich widerlich zu riechen, auch nach ein paar Tagen noch! Dann das Fläschchen geöffnet und 1 Tag in der Schublade stehen lassen. Siehe da, jetzt riecht es wesentlich angenehmer und schmeckt auch gemischt zu einem Rhabarber-Custard schon gar nicht schlecht. Vor dem Lüften hätte ich das niemals gedampft sondern eher weggekippt!

    Wohl ist es so, dass sich Bestandteile eines Aroma an der Luft verändern oder sich verflüchtigen. Das mag in einigen Fällen schlecht sein, oder wie man sieht evtl. auch gut. Ich habe schon hin und wieder gelesen, dass bittere, herbe oder beißende Bestandteile sich durch das Lüften verflüchtigen.

    Ich bin jetzt noch nicht erfahren genug mit komplexen Mischungen, aber möglicherweise macht es z.B. Sinn wenn man wie in meinem Beispiel „Rhabarber Custard“ anmischt, etwas zu viel Custard zu nehmen, der sich dann beim Lüften (wegen Rhabarber) etwas verflüchtigt, am Ende das ganze aber wieder Stimmt …

    LG

    Uwe

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      1. Ich bin ja einer, der so etwas gerne komplett unbedarft angeht, so ein wenig nach dem Motto „wenns mich nicht umbringt …“. Daher kann ich das aus dem was ich selbst gelesen habe und was einfach meine Erfahrung ist so mal „behaupten“. Die Fachliche Aussage eines Aroma-Experten oder Chemikers wär aber wirklich interessant.

        Ich empfehle jedem, das Lüften zumindest mal auszuprobieren, wenn ein angemischtes Liquid sich als scharf, bitter, streng, etc. entpuppt, obwohl es das nicht sein sollte …

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  3. 1) die Vermischung – ein physikalischer Vorgang

    Man könnte es als wichtige Vorstufe der Reifung bezeichnen. Sie ist für alle Arten von Liquid identisch, unabhängig vom Aroma.

    Zwei Flüssigkeiten werden miteinander vermischt. Die eine enthält eine hohe Konzentration verschiedener Aromamoleküle.
    Durch Schütteln werden diese beiden Flüssigkeitsphasen erst einmal nur grob verteilt. Optisch sieht die Lösung zwar schon gleichmäßig gemischt aus, aber tatsächlich sind darin lauter große „Fetzen“ der einzelnen Phasen. Je länger wir schütteln oder rühren, desto kleiner werden diese Anteile. Aber wirklich komplett gemischt sind die beiden Flüssigkeiten und ihre Bestandteile erst, wenn alle Moleküle einzeln zwischen den anderen liegen.

    Das dauert allerdings eine ganze Zeit. Deshalb kann ein Magnetrührer dabei helfen. Die Flasche immer mal wieder zu schütteln ist aber die preiswertere Alternative. Wink
    Wärme beschleunigt die Molekularbewegung und damit die Verteilung auf Molekülebene. Die Mikrowelle ist da etwas schwierig, weil es dabei in der Flüssigkeit immer Hotspots gibt, in denen die Hitze zu groß ist und die Aromamoleküle beeinträchtigt werden können. Ein Wasserbad oder die Heizung ist schonender.

    Ist eine homogene Mischung entstanden, hat das Liquid eine gleichmäßige Geschmacksbasis, aber fertig ist es noch nicht. Es hat geschmacklich oft keine Fülle und eventuell scharfe „Spitzen“ einzelner Aromabestandteile.

    2) Die Reifung – ein chemischer Vorgang

    Die chemische Reifung ist sehr von den enthaltenen Aromen abhängig. Auch die Konzentration spielt dabei eine Rolle, ebenso das Vorhandensein eines kleinen Anteils Wasser.

    Nach der Verdünnung in PG/VG finden Prozesse wie Umesterung, Oxidation, Hydrolyse und Acetalbildung statt. Manche Aromamoleküle heften sich durch Wasserstoffbrückenbindung an andere an und unterstützen oder mildern deren Wirkung. Der beim Vermischen mit in die Lösung geschüttelte Sauerstoff wird wiederum von anderen Aromastoffen gebraucht, um ihre Wirkung zu entfalten. Am Ende ist aus den ursprünglich noch wahrnehmbaren Geschmacksspitzen der einzelnen Komponenten ein runder Gesamtgeschmack entstanden.

    Ein gutes Beispiel ist Waldmeister. Ist das Liquid frisch angesetzt, riecht es streng nach Aceton (Nagellackentferner). Erst nach ca. zwei Wochen ist der typische leckere Waldmeistergeschmack voll da.

    Wie lange die Reifung dauert, ist von der Zusammenstellung der einzelnen Aromakomponenten abhängig. Menthol ist verwendbar, sobald die Vermischung richtig abgeschlossen ist. Andere Liquids brauchen Tage bis Wochen.
    Wichtig ist zu Anfang eine gute Vermischung – gut gerührt ist halb gereift.
    Ein höhere Aromakonzentration braucht etwas länger als ein schwach aromatisiertes Liquid.

    Es gibt also kein Patentrezept – im Zweifel lieber noch etwas warten und ab und zu gut schütteln.

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